Catcalling ist kein Kompliment

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Jeder Frau passiert es, Männern eher selten. Catcalling ist für viele Menschen verstörend und trotzdem Teil des Alltags. Sich zu wehren ist nicht einfach und auch auf der gesetzlichen Seite sieht es derzeit nicht immer rosig aus. Wahrscheinlich deswegen, weil viel zu viele Menschen immer noch glauben, dass es sich bei Bezeichnungen und Rufen wie „Geile“ um ein Kompliment handelt. Spätestens nachdem du diese Zeilen gelesen hast, sollte dir klar sein, dass Catcalling zu den verharmlostesten Sexualisierungen unserer Zeit gehört.

Katzengeschrei

Catcalling bezeichnet verbale Belästigung im öffentlichen Raum: Das kann sexuell konnotiertes Rufen, Pfeifen oder sonstige Laute beschreiben. Ganz einheitlich ist diese Definition allerdings nicht. Da bei den Statistiken zur Strafverfolgung der Beleidigung nicht festgehalten wird, um welche Art von Beleidigung also beispielsweise Catcalling handelt, erhält man hier nur eine grobe Vorstellung des Ausmaßes: 2018 wurden über 24 000 Personen wegen Beleidigung verurteil, 84% davon waren Männer.1

Nun ist es aber so, dass gerade bei Catcalling in der Regel nicht zu einer Anzeige kommt und die Gründe dafür liegen eigentlich auf der Hand. Wenn man nun Opfer von Catcalling wird, ist man in den meisten Fällen alleine unterwegs. Das hat zur Folge, dass gerade männliche Bekannte oder Partner diese Beleidigungen nie miterleben werden und somit auch eine ganz andere Auffassung von dem Thema haben. Außerdem ist es nicht leicht auf solche Aussagen zu reagieren, denn wenn man etwas zurückruft, kann man sich auch schnell in Gefahr begeben. Gerade dann, wenn sonst niemand auf der Straße ist oder man gar nachts unterwegs ist. Am besten sollte man sich da auf sein Baugefühl verlassen, ob man ignoriert oder reagiert, denn es gibt keine Reaktion, die universell auf alle Situationen anwendbar ist.

Ich wollte dir nur mal eben sagen

Viele Frauen geraten häufig in die Situation Opfer dieser Art von Beleidigung zu werden und viele von ihnen wissen um den Unterschied zwischen Beleidigung und Kompliment. Dabei kommt es natürlich darauf an, was gesagt wird und auch die genaue Wortwahl, aber vor allem kommt es auf die eigene Wahrnehmung an. Denn wenn man sich von jemand fremden auf der Straße auf seinen Körper oder sein Frau-Sein reduziert und damit ungefragt sexualisiert fühlt, dann ist das nicht nur unangenehm, sondern auch einfach kein Kompliment. Auch übergriffige Aufforderung wie „Lächel‘ doch mal“ gehören in die Kiste des Catcallings.

Millionen von Frauen haben nicht Angst nachts auf die Straßen zu gehen weil sie ein paar Komplimente falsch verstanden haben. Wenn Männer in Gruppen auftreten, beginnen Frauen schneller zu laufen, wechseln die Straßenseite und kommen trotzdem meistens nicht um ein „Kompliment“ drumherum. Catcalling nicht ernst zu nehmen ist genauso schlimm, wie zu denken, dass manche Scherze nicht schlimm und Teil des Sexismus sind, weil keine Frau anwesend ist.

Wenn Opfer zu Täter:innen gemacht werden

Der erste Gedanke, der den meisten durch den Kopf schießt, wenn man einen sexuell konnotierten Kommentar zugerufen bekommt ist: „Ist mein Rock zu kurz? Ist der Ausschnitt zu tief? Sind die Schuhe zu hoch?“. Und genau da geht es weiter mit der Problematik. Warum darf eine selbstbestimmte Frau in der Öffentlichkeit nicht einfach das tragen, worin sie sich wohlfühlt? Immerhin machen das Männer ja auch, ohne dass sie verbal sexualisiert werden. Das zu verstehen in besonders wichtig. Sexuelle Belästigung oder Gewalt ist nämlich nie die Schuld des Opfers. Natürlich kann es in bestimmten Situationen zu Missverständnissen kommen, aber das ist dann doch wohl eher die Ausnahme. Du darfst dich kleiden, wie du möchtest und das Unabhängig davon, ob du Mann, Frau oder etwas dazwischen bist. In unserer Gesellschaft sollten nicht etwa Mädchen und Frauen lernen, wie sie sich zu kleiden haben, damit sie ich belästigt werden, sondern viel mehr sollte Menschen beigebracht werden, dass übergriffige Handlungen und Machtdemonstrationen das Kernproblem des Patriarchats sind sind.

Catcalls sind ein reines Machtspiel und Provokation. Auch wenn durchaus manch einer behaupten würde, dass die Frau mit ihrer Kleidung die Provokation darstellt, ist es doch viel mehr die Person die ruft und damit übergriffig und provokativ handelt. Wenn mir so etwas passiert, dann fühle ich mich nicht nur beleidigt, sondern auch provoziert, eingeschüchtert und vor allem macht- und hilflos. Selbst wenn man es ignoriert, kann es durch die Häufigkeit solcher Sprüche dazu kommen, dass man sich dann nicht mehr traut, alleine auf die Straße zu gehen, ohne Angst zu haben und das darf einfach nicht so sein!

Wer sind die Täter:innen?

Komischerweise hat man oft das Gefühl, keinen Mann persönlich zu kennen, der Catcalling betreiben würde, aber trotzdem passiert es so häufig, dass es ja so viele Menschen geben muss, die es machen. Gerade in einer Gruppe von Männern gibt es eine sexistische Dynamik und Alkohol verstärkt diese umso mehr. Als Mann den eigenen Freund:innen zu sagen, dass Sexismus jeder Art nicht tolerierbar ist, vor allem wenn auch keine Frau dabei ist, ist eigentlich das Mindeste, was man erwarten müsste. Denn Catcalling ist kein Spaß, Scherz und schon gar nicht lustig. Es ist übergriffig, sexistisch und ein Akt der Unterdrückung.

Nur bedingt strafbar

Der Gesetzgeber verurteilt Catcaller:innen nicht grundsätzlich, denn im Grunde ist es keine Straftat in Deutschland. Zwar kann Catcalling in Verbindung von beispielsweise der Beleidigung trotzdem zur Anzeige gebracht werden, jedoch ist das nicht bei jeder Art von Catcalling möglich. So bleibt viel ungeahndet. Sexuelle Belästigung wird nach dem Gesetz erst bestraft, sobald es sich um eine körperliche Berührung handelt und schließt somit das typische Catcalling aus. Trotz einschlägiger Petition mit über 60 000 Unterstützern und etwaigen Gesetzes- und Ordnungswidrigkeitsvorschlägen, bleibt Catcalling ungestraft.2

Sehen. Handeln. Unterstützen.

Nicht immer passiert Catcalling auf leeren Straßen, oft – und das ist noch viel dreister – passiert es auch mitten am Tag unter vielen Leuten. Gerade dann hat jeder die Macht, zu helfen und zu verurteilen. Man sollte sich selbst nicht in Gefahr bringen oder selbst beleidigend werden, aber ein „Das geht gar nicht“ kann manche Menschen mal spüren lassen, wie unangebracht und unmöglich einige Kommentare sind. Auch, wenn jemand angesprochen und nicht in Ruhe gelassen wird, kann man ebenfalls mit einer geschickten Gesprächsverwicklung manchen Frauen aus der Klemme helfen. Manchmal ist es wichtig einfach Aufmerksam zu sein und zu handeln bevor etwas schlimmeres passiert. Man kann der Held des kleinen Mannes beziehungsweise der kleinen Frau sein, wenn man anfängt das Verhalten mancher in der Öffentlichkeit nicht einfach gekonnt zu ignorieren.

Immerhin möchte ja auch niemand, dass Catcalling oder andere Arten von sexueller Belästigung der eigenen Tochter, Patnerin oder Mutter passiert und jede andere Frau ist mindestens eines davon. Wenn schon der Gesetzgeber in dieser Hinsicht keine Unterstützung ist, dann sollten wir es zumindest gegenseitig sein.

Quellen

  1. Was ist Catcalling?
  2. Strafbarkeit in Deutschland

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